Burghausen – Weltweit außergewöhnliches Kunstprojekt verbindet Finanzwirtschaft und Naturschutz – Baumpflanzung im November
Burghausen. Seit den Anfängen der Landwirtschaft sind Bäume eine wichtige Quelle des Reichtums für den Menschen, der sie weltweit in Gärten und Obstgärten kultiviert. Zum ersten Mal in der Geschichte hat die Stadt Burghausen in Deutschland ein System eingeführt, mit dem Bäume selbst reich werden können. Seit Anfang August hat Burghausen im Auftrag von fünf Amberbäumen eine spezielle Anleihenserie vermittelt. Dank der internationalen Nachfrage werden die Bäume Mitte November in der Innenstadt gepflanzt.
Innovatives Kunstprojekt von Jonathon Keats
„Die Anleihen werden von den Bäumen ausgegeben und mit einem Abdruck ihrer Blätter unterzeichnet“, erklärt Jonathon Keats, experimenteller Philosoph, der dieses neuartige Finanzinstrument entwickelt hat. „Jede 20-Euro-Anleihe zahlt dem Inhaber Zinsen in Form von Samenkapseln nach einem Zeitplan, der sich nach der Wachstumsrate der Bäume richtet.“
Nach Angaben von Vertretern der Stadt Burghausen sollen die durch die Baum-Anleihen eingenommenen Mittel die Kosten für die Pflanzung und Bewässerung decken sowie im Falle von Umweltbedrohungen die Kosten für Rechtsbeistand oder politische Lobbyarbeit bestreiten. Den Amberbäumen steht es zudem frei, das von ihnen erwirtschaftete Geld zu investieren und mit Anleihen, Aktien und Optionen zu handeln.
Wenn das Leben der Bäume sein natürliches Ende erreicht, wird das Kapital der Anleger in Form von Holz zurückgezahlt – fünf Kilogramm Holz pro Anleihe. Nach aktuellen Schätzungen könnte die Laufzeit bis zu vierhundert Jahre betragen.
Den Bäumen eine Lobby geben und Biodiversität unterstützen
Jonathon Keats, der als leitender Philosoph am Earth Law Center tätig ist und als Senior Fellow am Berggruen Institute den Schwerpunkt auf komplexe Systeme legt, hat die Anleihen für Investoren konzipiert, die eine natürliche Absicherung gegen Marktvolatilität bieten. Er betont jedoch, dass das finanzielle Wohlergehen der Bäume für ihn oberste Priorität hat. „Angesichts der jüngsten Diskussionen über ökosystemische Dienstleistungen wird weithin anerkannt, wie sehr Bäume zur Weltwirtschaft beitragen“, erklärt er. „Aber sie profitieren nicht davon. Noch erschreckender ist, dass sie keinen finanziellen Einfluss haben. Sie verfügen nicht über die Mittel, um die Politik zu beeinflussen, die sich auf ihr Leben und ihre Lebensgrundlagen auswirkt. Wenn sie gemeinsam mit anderen Baumarten dank dieser Anleihen reich werden, wird sich das globale Kräfteverhältnis zwangsläufig verändern.“
Tatsächlich können die Bäume durch ihre Teilnahme an den Märkten und ihren Einfluss auf finanzgetriebene politische Systeme die planetare Homöostase unterstützen. „Die Umverteilung von Reichtum von einer einzigen Spezies auf die Vielzahl verspricht, eine Grundursache der Instabilität anzugehen“, bekräftigt Keats. Die Menschheit hat – zumindest seit der Industriellen Revolution – die Lebensbedingungen für fast jede Lebensform – einschließlich der des Menschen – untergraben. Eine widerstandsfähige Wirtschaft und verantwortungsvolle Regierungsführung, so argumentiert er, hängen von der Biodiversität ab.
Burghauser Modell als internationales Vorbild
„Bei herkömmlichen grünen Anleihen wird die Standardarchitektur der Fremdfinanzierung erhalten lediglich ein Umweltetikett ergänzt“, erklärt Bruno Gandlgruber, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universidad Autónoma Metropolitana in Mexiko-Stadt. „In diesen Modellen erscheint die Natur lediglich als Investitionsobjekt, das finanziert, wiederhergestellt oder geschützt werden soll. Die „Baum-Anleihen“ brechen mit dieser Vorgehensweise, da es sich um Instrumente handelt, bei denen die Bäume selbst die Emittenten sind.“
Als Berater der Initiative hat Gandlgruber die Bedingungen der Anleihe so mitgestaltet, dass Wert und Rückzahlung an das Fortbestehen des Baumes und seine ökologischen Funktionen – wie Wachstum, Kohlenstoffbindung oder Wasserregulierung – geknüpft sind und nicht an eine externe Einnahmequelle. „Die Natur entwickelt sich somit von der Position eines finanzierten Vermögenswerts hin zu der eines gleichberechtigten Partners in der finanziellen Beziehung.“
Laut Dr. Gandlgruber plant die Universidad Autónoma Metropolitana die Vermittlung einer eigenen Baum-Anleihe, die auf Eichen in Mexiko-Stadt basiert. Weitere Baumarten werden bald in den Vereinigten Staaten auf den Markt kommen, dank Vereinbarungen, die Keats mit dem Djerassi Resident Artists Program in Nordkalifornien getroffen hat. Während jedes Finanzinstrument individuell auf die lokalen Gegebenheiten zugeschnitten sein wird, folgen alle dem bayerischen Modell.
Nachhaltigkeit im Hier und Jetzt sichern
Für die Verantwortlichen in Burghausen ist ein Beitrag zur Veränderung der Welt wichtiger als die fünfprozentige Vermittlungsgebühr, die die Stadt bei jedem Verkauf erhält. „Ich möchte Burghausen nachhaltig und zukunftssicher gestalten“, sagt Erster Bürgermeister Florian Schneider. „Die Investition in eine Baum-Anleihe kann ein Schritt in diese Richtung sein.“
Baumanleihen können in der Studienkirche St. Josef in der Altstadt Burghausen erworben werden. Medienvertreter und die Öffentlichkeit sind herzlich eingeladen, Mitte November an den Baumpflanzungen teilzunehmen. Der Termin der Pflanzung und der Ort wird in der Presse und auf www.burghausen.de und www.kunst.burghausen.de/keats bekanntgegeben.


